Montags im Kinderkrankenhaus

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Bild (c): Deutsche Kinderkrebsstiftung

 

Ein Einsatzbericht von unserer Ehrenamtlichen Juliane Reitzig

Wir Ehrenamtlichen vom Verein „So viel Freude e.V.“ kickern mit schwer erkrankten Kindern auf Station. Unsere Aufgabe ist es, den Kindern eine Freude zu bereiten und ihnen die Zeit im Krankenhaus angenehm zu machen. Im Spiel mit den Kindern finden Begegnungen statt, die ich nie mehr vergessen werde. Ein paar dieser Momente möchte ich gerne mit Ihnen teilen. Wir sollten uns auch mit den schönen Seiten des Lebens beschäftigen. Und die gibt es! Wir müssen nur unseren Blick darauf richten.

Ich stehe also vor den Aufzügen im Foyer der Kinderklinik der Charité in Berlin. Das ist ein äußerst betriebsamer Ort, müssen Sie wissen: Eltern durchqueren den Raum mit weinenden Kindern auf dem Arm und eilen hin, zur Rettungsstelle. Andere warten. Kinder schreien. Spielen. Türen fliegen auf. Und schlagen zu. Die Tür des Aufzugs öffnet sich und eine Familie mit strahlenden Gesichtern – schwer bepackt mit Dingen, die sich bei einem langen Krankenhausaufenthalt im Zimmer so ansammeln – fährt nach einer beendeten Behandlung ihres Sohnes heim. Ich steige ein und drücke für den dritten Stock. Station 29. Mein Einsatzort.

Dort angekommen, melde ich mich im Schwesternzimmer und die Schwestern schauen nach kleinen Patienten, die kickern wollen – und dürfen. Manchmal stimmen Blutwerte nicht oder die Kinder haben Fieber. Dann wollen sie zwar, dürfen aber nicht. Zwei Jungs kommen aus einem Zimmer an den Kickertisch. Eine dritte Stimme ruft aufgeregt „Ich komme auch!“ Sekunden später fegte ein dritter kleiner Junge um die Ecke, an seiner linken Hand ein Infusionsständer. Er sieht mich, dreht sich um und rennt. Weg ist er. Ich höre ihn noch rufen „Ich hole meine Mütze!“.

Später, als wir am Kickertisch mächtig ins Schwitzen kommen, erzählt er dass er zehn Jahre alt ist und warum er außerhalb des Zimmers immer seine Mütze braucht. „Auf Station 30, das ist die Kinderkrebsstation nebenan, da sind alle so wie ich. Die ist aber voll. Und hier auf der 29 bin ich der einzige, der keine Haare hat. Die Leute schauen mich dann immer alle so an“, erklärt er mit seiner hellen Kinderstimme. Mir zieht es das Herz zusammen. Es sind so mutige Kinder, die so viel erdulden und die sich so sehr danach sehnen, genauso zu sein und auszusehen wie alle anderen Kinder.

Das Kickern hat er von einem Freund in der Schule gelernt „ich war aber schon fast zwei Jahren nicht mehr dort“ meint er und spielt eifrig. Erneut fehlen mir die Worte. Ein Fünftel seiner Zeit auf dieser Erde ist dieses Kind schwer krank. Aber ich muss auch gar nichts sagen, denn er redet sofort weiter. Er liebt Panda-Bären, vertreibt sich seine Zeit mit seinen Handy-Spielen und er vermisst seine kleine Schwester so sehr.

Sein kleiner Bettnachbar hat gerade Besuch vom älteren Bruder, der Mohammed heißt. Mohammed spielt seit Stunden sehr geduldig mit den beiden Kleinen und umsorgt sie, erzählte mir die Krankenschwester vorher. Der 10jährige fragt den Großen auf einmal „Wo kommst du denn her?“ Der: „Ich bin Araber“ . „Darf ich dich was fragen? Stimmt es, dass die Araber keine Juden mögen?“ Ich hätte mich in dem Moment gerne selbst gesehen 😅. Mohammed antwortet ganz lässig: „Das kann man so allgemein nicht sagen. Wir mögen nur die Leute nicht, die sagen, dass uns das Land dort in Israel uns nicht schon vorher gehört hat“. Das Thema hatte er im Fernsehen gesehen und es beschäftigte ihn den ganzen Nachmittag sehr. Wenig später fragt er seinen kleinen Bettnachbarn „Und Du? Magst Du keine Juden“. Der Kleine guckt mich ratlos an „Was sind Juden?“. Ich lache und meine „Da hast Du Deine Antwort – er kann sie nicht nicht mögen. Er kennt sie nicht“. Wir lachen alle. Kleine Menschen, große Politik!

Nach zweieinhalb Stunden ist es spät geworden für zwei kleine, kranke aber so wunderbar lebendige Jungs. Wir verabschieden uns voneinander. „Du kommst nächste Woche wieder? Da bin ich schon zu Hause es sei denn ich bekomme am Sonntag wieder Fieber… “ „Schhhhh! Gar nicht erst dran denken. Du fährst nach Hause“. „Ja, na klar!“. Dann trennen sich unsere Wege. Jetzt sitze ich in meiner Wohnung und ich bin innerlich ganz warm und erfrischt. Der Nachmittag hat mir gut getan. Und den Kindern auch. Zweieinhalb Stunden lang waren die Kleinen keine Patienten, sondern lachende, spielende Kinder. So, wie das sein soll.

Sehen Sie, diese Begegnung und viele andere beeindrucken mich tief. Wie die drei jungen Menschen miteinander umgehen – Jungs, die sich erst kurze Zeit kennen – da können wir von lernen. Wir brauchen einander nicht fremd zu bleiben. Alle unsere Freunde waren einst Fremde. Es ist unsere Sache, wie viele Fremde und wie viele Freunde wir im Leben haben möchten. Wir vier am Kickertisch sind Freunde geworden.

Ihnen allen einen schönen Abend.

 

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